K a t h r i n   B o r e r

Built with Indexhibit

Patricia Bieder

Kristallisierte Gestimmtheiten

Im Atelier von Kathrin Borer hängt an der Wand in rot gestempelten Buchstaben ein Satz des Architekten Aldo Rossi: „Es gibt in jedem Zimmer einen Abgrund.“ Dieser Satz hat programmatischen Charakter für das Denken und Schaffen der Künstlerin. Er mahnt an das Prekäre, das, was nicht ist, aber sein könnte, an die Unsicherheit und an die mögliche Erschütterung dessen, was ist, was wir haben, was wir sind. Sich diesem ‚Abgrund‘ bewusst zu sein, bedeutet Reibung und Sehnsucht zugleich. Beides ist in Kathrin Borers Zeichnungen und Objekten spür- und sichtbar. Es sind existenzielle Überlegungen, die sie beschäftigen. In ihren Stempeltexten wird die Sprache für die Künstlerin zu einer wichtigen Ausdrucksform. Einer Recherche über ihr Leben gleich erlauben ihr die rot gestempelten Einträge, die an ein Tagebuch erinnern, ihre künstlerischen Prozesse und ihre Gegenwart zu reflektieren.

In ihrer künstlerischen Auseinandersetzung nimmt Kathrin Borer Bezug auf alltägliche Situationen und Dinge, verfremdet sie und isoliert sie aus ihrem ursprünglichen Kontext. Dabei tritt das immanent Soziale und Politische pointiert hervor. Die extrem feinen Zeichnungen zeigen oft unheimliche Verschiebungen des Alltäglichen, manchmal haben sie sogar etwas (Alp-)Traumhaftes. Dennoch ist ihr Schaffen nicht surrealistisch. Es geht ihr nicht darum, der Hand freien Lauf zu lassen, sondern bewusst aus dem Unterschwelligen zu schöpfen. Ihre Zeichnungen sind ein Konglomerat von Eindrücken und Gedanken, Gestimmtheiten, die auf das Wesentliche reduziert und knapp formuliert sind. Kathrin Borer skizziert nicht, sondern setzt mit ihrer Idee gleich auf dem Blatt an. Dafür ist ein äusserst konzentriert gesetzter Strich unabdingbar, der aus ihrem Anspruch erfolgt, die Dinge von innen zu begreifen, sie zu durchdringen. Gleichwohl sind ihre Zeichnungen keine Illustrationen, sondern ein Erschaffen von Welt aus der Erinnerung. Dem Analysieren folgt das Interpretieren, es ist ein dialogischer Prozess, den die Künstlerin mit sich führt. Um die präzise Linie ziehen zu können ist es für sie entscheidend, dass sie „bei sich bleiben“ kann. Dieser Leitspruch füllt, fast einer magischen Formel gleich, eine ihrer roten Stempeltexte. Für Kathrin Borer, die aus der Performance-Kunst kommt, ist auch das Zeichnen ein performativer Akt: Es erfordert eine vergleichbar hohe Konzentration und ein Sich-Einlassen auf Prozesshaftes. Ihre Zeichnungen sind genauso zugespitzt und verdichtet wie ihre früheren Performances.

Häusliche Motive treten fast leitmotivisch auf. Neben dem Tisch, der in den Zeichnungen wiederholt vorkommt und den Ort des Austauschs und der Geselligkeit symbolisiert, sind es auch Gehäuse wie das aus Holzabfällen gebaute Nest (2012), das an das traute Heim en miniature denken lässt. Der Abgrund offenbart sich aber sogleich metaphorisch mit den messerscharfen Klingen an den Vogelhäuschen, die daran erinnern, dass auch das Gefühl der Geborgenheit schnell ins Gegenteil kippen könnte. Die poetische Zeichnung Tisch (Tête-à-tête, 2011) mit einem schräg aufs Blatt gesetzten Tisch, auf dem zwei Häuschen in blauer Tusche aufgedeckt sind, mag Gefühle von Sehnsucht nach einem Heim wecken oder deckt Illusionen auf. Das gemeinsame Heim – vielleicht mehr Bedrohung als die Erfüllung romantischer Zweisamkeit? So präzis die Tische auch gezeichnet sind, viele würden im realen Raum umkippen und damit ihre Funktion verlieren. Zuweilen bieten die Tische auch undefinierbaren Kreaturen Unterschlupf und werden selbst zum geheimnisvollen Objekt (Tisch (Behausung), 2012).

Kathrin Borer arbeitet oft seriell, um eine intensive Beschäftigung mit ihren Motiven zu erreichen. In der Serie Augen (2012), die sie während ihres Atelieraufenthalts in Bukarest gezeichnet hat, verbinden sich ebenso banale wie existenzielle Eindrücke. Exemplarisch wird sichtbar, wie die Motiv- und Bildfindung in Kathrin Borers Zeichnungen ein Eigenleben annehmen. So verknüpfen sich Anregungen durch Strassenwerbung mit Beobachtungen des bis heute wirkenden Überwachungswahns des Ceausescu-Regimes. Ein Bett wird von unzähligen Augen belagert, oder Augäpfel hängen von der Decke herunter und umzingeln einen Stuhl – eine Szene, die an ein Verhör erinnert. Die glotzenden Augen verunsichern und wecken das unbehagliche Gefühl einer heimlichen Kontrolle.

Auffällig ist die fehlende Präsenz von menschlichen Figuren in fast allen Zeichnungen. Trotzdem ist der Mensch darin immer latent spürbar. Viele ihrer Zeichnungen evozieren ein Moment der Spannung; es ist, als würde gleich eine Person auf der Bildbühne erscheinen. So bestimmt die Künstlerin die Szenerie komponiert, so klar überlässt sie es nun den Betrachtenden, diese zu bespielen und das abwartende Moment zu füllen, die Narration weiterzuführen oder durch das Dargestellte ihre individuellen Situationen zu reflektieren. Wiederholt vorkommende Motive wie Tisch oder Bett geben den abwesenden Menschen stellvertretend Präsenz. Auch auf den Blättern von Backyard (Ramallah Sheets, 2011) können die Wassertanks als Stellvertreter für Menschen gelten. Durch die menschenleeren Darstellungen werden die in diesen Blättern anklingenden politischen und existenziellen Themen und deren Deutungen umso dringlicher. Kathrin Borer hält mit ihren Zeichnungen subjektive Wahrnehmungen fest und bietet verschiedene Lesarten an, ohne sie definieren zu wollen.
Ihre ebenso hintersinnige wie virtuose (Tusch-)Zeichnungen und Objekte zeigen kluge und oft erst bei eingehender Betrachtung zu erkennende Verschiebungen und Hinterfragungen des Alltäglichen. Ihre Arbeiten sind auf formaler wie inhaltlicher Ebene dialektisch geprägt: Trotz der äusserst feinen Linie ist die Zeichnung immer lesbar, zudem strahlen die fragilen Gebilde eine Schärfe aus. Den existenziellen Überlegungen antwortet oft eine humorvolle Seite. Die Reduktion auf das Wesentliche in Form und Inhalt und die inhärente Dialektik schützen das feine und differenzierte Werk vor einer allzu schnellen, oberflächlichen Betrachtung.

© Patricia Bieder (2012)

Katalogtext in FREISPIEL, Kunstmuseum Solothurn