K a t h r i n   B o r e r

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Anita Haldemann

Neue Zeichnungen von Kathrin Borer: Vom weissen Papier zum black, black, hole

Am Anfang ihrer zeichnerischen Tätigkeit ist Kathrin Borers Strich noch suchend. Auf den Blättern der Serie sinkendes Behöhlen (2009) haben die linearen Gebilde kaum Platz auf dem Blatt, sind beschnitten oder kippen aus dem Bildfeld heraus. Schon bald werden die Linien feiner und wirken präziser, doch die mit spärlichen Strichen umrissenen kleinen Häuser oder Räume sind immer etwas schief. Sie schweben auf dem glatten und weissen Papier ohne genau verortet werden zu können.
Dann kommen einzelne farbige Flächen hinzu, etwa ein roter Teppich vor der Guillotine (Le tapis rouge, 2010). Jean-Christophe Amman hat zurecht darauf hingewiesen, dass die Erfahrung mit Performances, die Kathrin Borer bis 2008 durchgeführt hat, eine wichtige Grundlage für diese Zeichnungen bildet. Sie erinnern an offene Bühnen mit sparsam eingesetzten Kulissen und fehlenden Akteuren. Tisch (Tête-à-tête) von 2011 ist dafür typisch: Das Besteck auf dem Tisch suggeriert, dass hier zwei Menschen zusammen essen wollen, doch Stühle und Personen fehlen, und zwei hauchdünn aquarellierte Häuser stehen anstatt der Teller auf dem Tisch. Sollen die fenster- und türlosen Modelle verzehrt werden und damit der Traum von Heim, Schutz und Harmonie zerstört werden? Haben sich die abwesenden Akteure in ihre Behausung eingeigelt und verweigern die Kommunikation und damit die Zweisamkeit – das Tête-à-tête? Die Zeichnungen der Serie Stadt der Augen, die im Zusammenhang mit einem Aufenthalt in Bukarest 2012 entstanden sind, suggerieren Überwachung und verbreiten eine ‚Big Brother’-Stimmung wie in George Orwells Roman Nineteen Eighty-Four. Ein leerer Stuhl auf einer rechteckigen Fläche wird von gigantischen Augen, die an Fäden von oben in das Blatt hineinhängen, angestarrt, überwacht, durchleuchtet. Unweigerlich werden Erinnerungen an Folterszenen wach. Ein Bett hingegen steht auf einem Teppich von Augen, über den eine Schlafsuchende gehen müsste, wenn sie in ihr Bett gelangen wollte. Das Gefühl, im Schlaf beobachtet zu werden, ist so beängstigend, wie über diese Augen gehen zu müssen.
Kathrin Borer zeichnet kontrolliert und sparsam. Die Leere des Papiers, diese neutrale Fläche, spielt eine zentrale Rolle. Das Papier ist hier nicht etwas, das man haptisch wahrnimmt, sondern es bietet eine möglichst neutrale, unsinnliche Projektionsfläche, auf der sich die virtuelle Welt der Künstlerin, die aus der Erinnerung und der Phantasie hervorgeht, ausbreitet. Die Angst vor dem weissen Papier kennen nicht nur die Schriftsteller. Man kann sich gut vorstellen, dass ein sparsames, konzentriertes Zeichnen, wie es Kathrin Borer praktiziert, diesem prekären Moment stärker ausgesetzt ist als ein Künstler, der möglichst intuitiv oder gestisch-expressiv und rasch arbeitet. Die Serie black, black, hole thematisiert genau diese Schwierigkeit, indem die Künstlerin als Ausgangspunkt der Zeichnungen einen Tusche-Fleck aufs Blatt bringt und sich dann von dieser Form inspirieren lässt. Die Angst vor dem weissen Blatt wird gebändigt mit dem Öffnen eines schwarzen Lochs, aus dem dann tatsächlich eine Form wächst: eine raumgreifend aggressive wie das schwarze Gewehr oder ein sanftes, warmes Grasfell, das um eine Vulva herum wächst. Kathrin Borer greift auf eine alte Technik zurück, die Künstler seit Jahrhunderten benutzen, um ihre Inspiration in Gang zu setzen: Von Leonardo über Alexander Cozens (blot drawings) bis zu den Surrealisten haben sie mehr oder weniger zufällige Flecken dazu benutzt, um ihre Phantasie zu befeuern und haben damit dem Zufall in den kreativen Prozess einbezogen.
Als Kontrast zum wässrigen Flecken auf dem Papier weisen Kathrin Borers Formen, die daraus hervorgehen (etwa ein Grasfell und ein Katzenschwanz) wiederum eine präzise Ausführung aus, in der Grashalme oder Haare einzeln gezeichnet werden. Zwar entsteht durch diese Motive der Eindruck von unkontrolliertem Wachsen, Wuchern, das aber sorgfältiger Manier Strich für Strich entstanden ist. Auf dem Blatt Kleines Zimmerfell, entfaltet sich ein braunes Fell durch das Fenster in eine Dachkammer hinein und das Mutterfell, das ein kleineres und ein grösseres rosafarbenes Haus zusammenwachsen lässt, bringen einen Prozess zum Ausdruck, der nicht nur als Potential vorhanden ist – wie noch in Tisch (Tête-à-tête) oder der Stuhlszene mit den Augen –, sondern schon passiert ist.
Wachsende Felle sind nicht nur wärmend und schützend, sondern haben in ihrem organischen Charakter ein Eigenleben. Ihr Wachstum ist unvorhersehbar und damit bringen die Felle doch etwas Unheimliches in diese Zeichnungen. Bei Duendefell ist Kathrin Borer nicht von einem schwarzen Flecken, sondern von roten Spuren ausgegangen. Oder doch eher von der Lust, rote Tusche fliessen zu lassen. Daraus ist ein Felltier – oder ist es ein Fellmensch? – entstanden, das auf dem Bauch liegt, so nimmt man zumindest an. Die roten Linien erinnern an die roten Teppiche der früheren Zeichnungen, aber auch sie sind nicht nur Potential einer Handlung, sondern scheinen eher Spuren von Geschehenem zu sein. Mit den black, black, hole- und den Fellzeichnungen hat die Reflexion des zeichnerischen Prozesses bei Kathrin Borer eine neue Dimension erhalten.

© Anita Haldemann (2013)

Katalogtext zur Ausstellung: Arbeiten auf Papier, Galerie Martin Flaig, Basel